Jakobusfest in Oberdischingen am 25. 7. 2005

Pilgerstab und Muschel

Predigt beim Festgottesdienst in der Wallfahrtskirche zur heiligsten Dreifaltigkeit
Weihbischof Dr. Johannes Kreidler, Rottenburg

Ich freue mich, heute mit Ihnen hier in Oberdischingen das Fest eines großen Zeugen für Christus, das Fest des heiligen Jakobus, zu feiern.

Die ersten Strophen des Jakobusliedes haben einige Stationen aus der Biographie des Apostels Jakobus anklingen lassen. Jakobus, Sohn des Fischers Zebedäus und der Salome, wird von Jesus, zusammen mit seinem Bruder, dem Apostel Johannes, berufen. Jesus nennt sie wegen ihres stürmischen Temperaments „Donnersöhne”. Jakobus war ein sehr vertrauter Jünger Jesu - er ist bei der Verklärung auf dem Tabor mit dabei und auch Zeuge von Jesu Todesangst am Ölberg. Als Erster der zwölf Apostel erlitt er um das Jahr 44 den Märtyrertod durch das Schwert. Nach der Überlieferung sind seine Gebeine an der Westküste Spaniens in Santiago de Compostela begraben, das vor allem in der Zeit vom 10. bis 15. Jahrhundert als Wallfahrtsort weltberühmt wurde. Ich bin froh, dass sich die Schwäbische Jakobusgesellschaft dieser Wallfahrt in besonderer Weise verpflichtet weiss. →

Ich denke, dass die Jakobuswege sich neu immer größerer Beliebtheit erfreuen, hat mit der Sehnsucht der Wallfahrer zu tun. Deutlicher als sonst wollen sie Gott begegnen und ihr Leben verstehen. Sie ahnen: Ihr Leben lässt sich am besten als Weg erfassen und deuten, immer werden sie unterwegs sein auf ein Ziel hin, das Heimat verspricht. Sie wollen an den Erfahrungen teilhaben, die vor ihnen die vielen Pilger machten, die im Mittelalter über Jahrhunderte hinweg diese Straßen gezogen sind, um dann in Santiago anzukommen. Erkennungszeichen der Santiago-Pilger waren die Muschel und der Pilgerstab.

Ich möchte gerne mit Ihnen Muschel und Stab wenigstens kurz als Symbol für unser Leben anschauen. Die Muschel diente den Pilgern als Schöpf- und Trinkgefäß, der Stab als Hilfe für kraftvolles Ausschreiten und als Halt. Die Muschel als Werkzeug zum Schöpfen könnte uns nochmals eindringlich fragen: Was stillt unseren Durst, nicht nur des Leibes, auch den unserer Seele? Wo können wir es schöpfen, das Wasser des Lebens?

Die Muschel ist Symbol für Geheimnis, eine Perle ist in der Muschel verborgen. Warum soll eine Muschel nicht Zeichen sein, dem Geheimnis unseres Lebens auf die Spur zu kommen! Von alters her wurde die Muschel als Zeichen für die Verbindung von Göttlichem und Irdischem gesehen. Vielleicht ein Hinweis, dass wir dem Geheimnis des Lebens nur näher kommen, wenn wir es in Beziehung setzen zum Geheimnis Gottes. Dann dürfen wir unser Leben von ihm, von Gott her, verstehen. Könnten wir daraus nicht wirklich neues Leben schöpfen, wenn wir uns nicht mehr zu definieren bräuchten von der Rolle, die wir bei den Menschen spielen, oder vom Ansehen, das wir bei ihnen haben? Wir können uns verstehen von einem anderen her, der uns bedingungslos liebt und willkommen heißt.

Muschel und Stab gehören zusammen. Die Muschel symbolisiert Geborgenheit, der Stab Wegrichtung nach vorn. Eine absolute Geborgenheit, eine Geborgenheit ohne Anfechtung und Verunsicherung, kann es für uns Menschen nicht geben. Mehr als Wegvertrauen können wir nicht bekommen. Jemand hat einmal gesagt: „Jene Geborgenheit, die wir alle gerne hätten, und die wir uns mit allen möglichen Versicherungen erkaufen möchten, die gibt es nicht. Das Höchstmaß an Geborgenheit erlangt der Mensch, wenn er seiner Angst das große, starke Vertrauen entgegensetzt. Vertrauen und Hoffnung sind schöpferische Kräfte. Sie schaffen, was es eigentlich nicht gibt: Geborgenheit inmitten aller Gefahren”. (Luise Rinser)

Wie schön ist es, wenn wir ein Unterpfand für diese Geborgenheit →

inmitten aller Gefahren haben. Es ist Gott selbst. Gottes Geborgenheit lullt uns aber nicht ein, sondern schickt uns auf einen Weg. Die beiden Symbole, Muschel und Stab, stehen für solche Weggeborgenheit.

Die Muschel als Symbol für Geborgenheit lädt unser Leben immer wieder zu Rast und Stille ein. Wer dauernd auf der Überholspur bleibt, kann dem Geheimnis seines Lebens nicht inne werden. Wer nur in der Beschleunigung lebt, kann sich nicht in die Geborgenheit der Liebe von Gott oder von Menschen fallen lassen. Umgekehrt mahnt uns das Symbol des Stabes, uns nicht in Geborgenheit einzuschläfern; der Stab weist uns den Weg nach vorn, beweglich sollen wir bleiben, Freude behalten am Provisorischen und am Wagnis. Der Pilgerstab als Aufbruchssymbol stellt das in Frage, was als zu Selbstverständliches nicht mehr beunruhigt und zu Vertrautes nicht mehr provoziert. Wir Christen, die wir manchmal allzu sesshaft - oder sagen wir es auf schwäbisch „verhockt” sind, müssen uns von den biblischen Weggeschichten immer neu inspirieren lassen.

Schritt für Schritt geht jeder von uns seinen Weg, trägt seine Lasten mit, muss manches erfahren, ertragen. Jeder und jede von uns spürt es immer wieder: Zum Leben gehören Umwege, Irrwege, Durststrecken, beschwerliche und Gott sei Dank auch leichte Wege. Ein Wegweiser für den Pilgerweg der Kirche durch die Zeit und für den Pilgerweg eines jeden von uns ist im heutigen Evangelium markiert, wenn Jesus sagt: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein”.

Jesus spricht so, weil die Mutter des Jakobus und des Johannes für ihre beiden Söhne die direkten Plätze neben Jesus, die besten Plätze, gesichert haben wollte. Wer hat die besten Plätze, wer ist der Erste, der Schönste, der Erfolgreichste, dieses heute so bekannte Spiel wurde also auch schon zu Lebzeiten Jesu gespielt. Und Jesus lädt die Menschen ein, bei diesem ewigen Spiel von Konkurrenz und Einander-Ausstechen nicht weiter mitzuspielen: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein”. Doch klingt das nicht weltfremd und zeitfremd, einander zu dienen? Übersetzen wir einander dienen mit füreinander da sein, dann ist das, glaube ich, die Haltung, die heute, wenn auch nicht in Hochkonjunktur, so doch dringlicher denn je ist: füreinander da sein, sich auf den Weg zueinander begeben, statt einander die Wege abzuschneiden. Ein Vorbild haben wir da in Jesus. In ihm hat sich Gott selbst auf den Weg zu den Menschen begeben. Wie der Gute Hirte sucht er in seiner Liebe die Verstörten und Verlorenen, die Mühseligen und Beladenen.

Im Bild des Weges geblieben, müssen wir, um sie zu treffen, vielleicht gar nicht so weit gehen. Die Verstörten und Verlorenen, →

die Mühseligen und Beladenen, sie können in unserer allernächsten Nähe sein.

Vielleicht gehört der Ehepartner zu ihnen, ein Freund, eine Freundin: der, der uns einmal sehr vertraut war, oder die, die uns innerlich sehr nahe war, sie sind uns vielleicht im Laufe der Partnerschaft, der Freundschaft, fremd geworden. Wenn wir uns neu auf den Weg zu ihnen machten! Mit einem kleinen Schritt beginnt auch der längste Weg. Doch um auf unseren Wegen die Verstörten und Verlorenen, den Mühseligen und Beladenen zu begegnen, müssen wir vielleicht noch weniger weit gehen. Wir selbst können nämlich dieser Verlorene oder diese Beladene sein. Jemand hat einmal gesagt: „Unsere Traurigkeit rührt zum Teil daher, dass wir immer die gleichen sind und an jedem Morgen mit dem gleichen Problem aufwachen, nämlich uns selbst zu ertragen, mit uns selbst klarzukommen bis zum Abend und bis zum Tod”. Warum sich also nicht auf den Weg zu sich selbst machen, sich zu sich hinunterbeugen und versuchen, sich selbst liebevoll in den Arm zu nehmen?

Aus einem aufmerksamen Füreinander und Miteinander werden sich so von alleine neue Wege, Wege in die Zukunft eröffnen. Amen.

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